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Buchbesprechung  Katharina Hacker Die Habenichtse“

 

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Eine persönliche Buchempfehlung

von Luise Ritter: Katharina Hacker Die Habenichtse“

 Katharina Hacker

Genehmigung Suhrkamp Verlag ©(Noel Tovia Matoff / Suhrkamp Verlag)

Katharina Hacker:

„Die Habenichtse“ Roman

Suhrkamp Verlag 2006

308 Seiten

17.80 Euro

Deutscher Buchpreis 2006  Katharina Hackers

  This is the end of the world, so dachten viele am 11. September 2001, als nacheinander zwei Flugzeuge ins World Trade Center von New York flogen und die Türme zum Einstürzen brachten. Genau an diesem Septemberabend treffen sich Isabelle und Jakob in Berlin auf einer schicken Party nach zehn  Jahren wieder – sie sind sich einmal bereits in ihrem Leben in Freiburg begegnet –und verlieben sich, bleiben zusammen,  ziehen irgendwann in eine gemeinsame Berliner Wohnung und heiraten. Jakob, ein junger talentierter Anwalt, bekommt von der Direktion seiner Kanzlei eine Stelle in London angeboten, ein Karriereaufstieg, den er nur dem Umstand zu verdanken hat, dass sein Kollege, der  ursprünglich für die Londoner Aufgabe vorgesehen war, am 11. September in New York in den Türmen umgekommen ist. Soweit der Beginn einer der Geschichten, die der Roman erzählt. 

Es gibt viele andere Figuren in diesem wunderbaren Roman, alle um die Mitte Dreißig, die ebenso detailliert und empathisch dargestellt werden wie die beiden Hauptfiguren, so dass sie im Laufe der Lektüre wie lebendig wirken. Katharina Hacker schafft es auf eine leichte und leise Art, den Leser mit den Romanfiguren so vertraut zu machen, dass er deren Wünsche, Sehnsüchte, Ängste und manchmal auch dem Stillstand sehr nahe ist. 

Es gibt zwei völlig unterschiedliche gesellschaftliche Schichten, von denen die Autorin berichtet. Einmal sind da Isabelle und Jakob, beide erfolgreich und aufstrebend, und jeweils deren Freunde und Kollegen. Wie zum Beispiel Andras, ein Grafiker, der als 14- Jähriger Ungarn verlassen musste und mit seiner Tante Sofi und seinem Onkel Janos in Berlin aufwuchs und der mit Isabelle schon zusammengearbeitet hatte, bevor Jakob auftauchte und der immer schon ein Auge auf Isabelle geworfen hat, seine absolute Traumfrau – im wahrsten Sinne. So träumt er davon, sie zu verführen, mit ihr zusammenzuleben, ihr einen Heiratsantrag zu stellen.  

„Mach ihr einen osteuropäisch-melancholischen Heiratsantrag mit Handkuss und roten Rosen“ , riet ein Freund ihm. „Und obwohl er die Vorstellung noch immer abgeschmackt fand, hatte Andras sie als Versäumnis registrieren müssen, denn es wäre gescheiter gewesen als seine zögernde Idee, sie als Liebhaber zu erobern. .....Er liebte sie, es war eine herzzereißend simple Tatsache.“ Diese Liebe wird nicht erwidert, Isabelle geht zwar sehr innig mit Andras um, aber nur, weil sie ihn ausschließlich als Bruder sieht – im unschuldigsten Sinne. 

Die Figuren der anderen „unteren“ gesellschaftlichen Schicht leben alle in London. Da ist Jim, Endzwanziger, der aus einfachen Verhältnissen kommt und in London auf die „schiefe“ Bahn geriet, mit Drogen dealt und sich reichen Männern als Prostituierter anbietet. Er hat eine Freundin namens Mae, aus dem gleichen Milieu, die er liebt und er träumt davon, auszubrechen aus seinem furchtbaren Dasein und mit ihr auf dem Lande ein glückliches, bürgerliches Leben zu verbringen. Mae verschwindet eines Tages spurlos und Jim hat ab diesem Zeitpunkt nur ein Ziel in seinem Leben: Sie wiederzufinden.

 Dann sind da noch die vernachlässigte kleine Sara und ihr Bruder Dave, die mit ihren Eltern in der gleichen Straße wie Isabelle und Jakob wohnen. Der Vater ist gewalttätig, schlägt die kleine Tochter, die Mutter ist zu schwach, einzugreifen, duldet die Gewalt. Der Bruder Dave verspricht der kleinen Schwester, sie eines Tages zu befreien. Er erfindet nur für sie zauberhafte wunderschöne Geschichten, um die Kleine zu trösten.

 Als Jakob nach London umzieht, um in der englischen Dependance seiner Anwaltskanzlei zu arbeiten, holt er Isabelle nach kurzer Zeit nach London nach. Isabelle arbeitet von dort aus für ihr Grafikbüro in Berlin. Das Leben der beiden in London plätschert dahin, es passiert nichts Aufregendes, nichts, was Nennenswert wäre.

Vielleicht liegt hierin auch der Grund, dass Jakob sich von dem alten Chef dieser Londoner Kanzlei angezogen fühlt. Er erfährt später einmal, dass dieser schwul ist und seinen Lebenspartner vor zehn Jahren verloren hat. Jakob sucht immer wieder das Gespräch und die Nähe zu diesem älteren Mann und zwischen den Zeilen erzählt Katharina Hacker von der erotischen Anziehung, die Jakob diesem Mann gegenüber empfindet und die er sich selbst nicht eingestehen mag.

 Die kühle Isabelle begegnet eines Tages Jim, dem Drogendealer, der ebenfalls in ihrer Straße wohnt. Sie ist fasziniert von diesem schönen dunklen Mann, der so ganz anders ist als ihre Freunde. Sie lernen sich kennen, Isabelle begehrt ihn, er ist geschmeichelt, aber er entzieht sich dieser Frau.

 Katharina Hackers Roman „Die Habenichtse“ macht sehr nachdenklich. Haben nicht viele in Europa, die genügend Materielles haben, ihre Werte und Ideale verloren? Und wissen vielleicht nicht mehr, wofür es sich lohnt ein zustehen und zu kämpfen? Was der Sinn des Lebens jenseits des Konsums sein könnte? Und sind damit ebenfalls „Habenichtse“ im Sinne dieses Romans? Buchen etwa Abenteuer-Urlaube, um wieder einmal einen Kick zu spüren oder würden vielleicht, wie Isabelle, eine Anziehung zu einer gesellschaftlich geächteten Welt verspüren? 

Es ist ein weites Feld, wozu  Katharina Hacker anregt, nachzudenken.        Katharina Hacker

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